Eden damals: Das Frühlingsfest

Wenn im Frühling das Leben neu erwacht, wenn bei uns in Eden das ganze Land mit seinen Tausenden von Bäumen in blühender Pracht dasteht und die Natur sich gewissermaßen selbst zum Feste schmückt und ihren Höhepunkt erreicht, wenn die Natur selbst ihr festliches Gewand anlegt und Hochzeit feiert, dann ist bei uns in Eden das Frühlingsfest. Das Schönste an unserem Frühlingsfest ist damit schon genannt, und wir feiernden Menschen passen uns gewissermaßen nur dem großen Rahmen an, der uns umgibt, dem fröhlichen Blühen ringsum.

 

 

Schon am Vorabend bewegt sich die Jugend, schön geschmückt, in feierlichem Zuge durch das blühende Eden und sammelt, singend von Haus zu Haus ziehend, Blumen ein zum Feste:

„Von Haus zu Hause ziehen wir – und bitten um eine Gabe

Zu unseres Platzes Schmuck und Zier, dass jeder seine Freud’ dran habe.

Habt ihr ein Band, blau, rot oder grün – das mögen wir gern leiden,

Und wenn eure Blumen recht schön blüh’n – könnt ihr auch davon schneiden.“

Da füllten sich die Körbe, denn jede Heimstätte, jede Familie, jedes Haus bringt von seinen schönsten Blumenschätzen, und freudiger Dank der Kinder wird den Gebern zu Teil:

„Habt schönen Dank – und weiter nun,

Wir haben noch viel zu besorgen,

Und fröhlich rufen wir euch zu:

Auf Wiedersehen – morgen!“

So wird es Abend und frohe Feststimmung erfüllt schon die ganze Kolonie. Da genießt wohl jeder so recht herzlich und bewusst den Feierabend und lauscht noch lange dem in der Dämmerung verhallenden Sang der Jugend.

Früh am nächsten Morgen ist dann der Edener wieder draußen. Das Frühkonzert des Vogelchores ist am Frühlingsfestsonntage doch noch schöner als sonst. Da horch! Da mischt sich herein der Menschenjugend froher Maiensang. Hoch auf dem Dache des Gemeinschaftshauses steht das Jungvolk und stimmt mit ein in das Jubilieren ringsum, stimmt mit ein aus frischer Kehle und froher Brust: „Der Mai ist gekommen.“

Ja, da oben überschaut man so recht das Blütenmeer und inmitten all’ der schönen Frühlingspracht singen wir so recht aus tiefstem Born der Seele unsere Lieder.

Im Laufe des Vormittags gibt es dann gar viel zu schaffen für die Jugend. Gilt es doch den großen Spielplatz zu einem schönen, blumenumkränzten Festplatz umzuwandeln. Da sitzen dann die Mädchen im Gras und winden Kränze, und die Jungens holen Grün, rammen die Pfosten ein, errichten die langen Tafeln und richten den Maibaum auf. Und dann kommen allmählich auch die Älteren und bringen ihre Tische und Bänke und freuen sich des emsigen Treibens, und in der Obstverwertung werden geheimnisvoll die süßen Säfte gemischt, die am Nachmittage der Schuljugend zur Labung dienen sollen.

Am Nachmittage ist dann ganz Eden auf dem Platze, Jung und Alt, ein gemeinsames Feiern, ein gemeinsames Volk. In großem Zuge hat sich die Jugend geordnet und zieht feierlich vom Genossenschaftshause um den Platz herum zum Haupttor herein. Jetzt ist alles im schönsten Schmuck, der blumenumwundene Festplatz, die festtäglichen Familien, die Jungen und Mädchen mit ihren weißen Kleidern und Blumenkränzen im Haar. Frohe Lieder erschallen, und dann reiht sich alles um die Tische zu einem kleinen Festkuchenschmaus im Freien. Jede Familie hat ihren festlich geschmückten Tisch, und alle diese Familientische schließen sich zu einem Ganzen zusammen durch den Rahmen des umgrenzenden und umkränzten Platzschmuckes.

So ist denn an diesen Festtagen die Kolonie wie eine große Familie beisammen, und echte Gemeinschaftsfreude und frohe Feststimmung beschwingt alle Seelen. Hier ist denn auch Ort und Zeit, wo von unserm Vorstand als auserwähltem geistigem Führer einige ernst-frohe Worte gesprochen werden die unsere Gedanken und Fühlen noch mehr auf das Gemeinsame und das uns allen vorschwebende hohe Ziel und die Bedeutung dieses Festes lenken. Nach aufgehobener Tafel hat dann wiederum die Jugend das Wort. Spiele und Tänze, Reigen und Lieder, Schwank und Scherz reihen sich in buntem Treiben aneinander, bis der Tag zur Neige geht und ein gemeinsames Lied den Festtag beschließt.

Karl Rußwurm

 

Beitrag aus der Festschrift „25 Jahre Eden“ , der 1920 veröffentlicht wurde