Eden damals: Unterm Goldparmänenbaum und Familie Kohnert

Passend zur Jahreszeit wurden wir auf das uralte Gedicht Unterm Goldparmänenbaum aufmerksam gemacht, welches einst die Edenerin Marie Kohnert geschrieben hat. Es wurde in den alten Edener Mitteilungen veröffentlicht und auch beim Festakt zur 110-Jahresfeier Edens von einer Schauspielerin der Edener Heimatbühne vorgetragen.

Dieser herrlich blühende Goldparmänenbaum steht im Garten von Sabine und Robert:

 

 

Unterm Goldparmänenbaum

 

Ein Plätzchen in meinem Garten

Ist so lauschig wie sonst eins kaum.

So schön lässt sich träumen und warten

Unterm Goldparmänenbaum.

Auf der Bank, die mein Junge gehämmert,

Da sitz ich so gern, wenn der Abend dämmert

Und hör dem Gezwitscher der Vögelein zu.

Immer leiser wird es – bald geh`n sie zur Ruh.

 

Finkenmütterchen noch Futter sucht,

Vom Walde her der Kuckuck ruft.

Auf dem Dache flötet die Amsel munter,

Rotgolden geht die Sonne unter.

Und küsst noch einmal all‘ das Blühen.

Rings um mich, welch ein Erglühen!

Und still, ganz still senkt sich die Nacht

Nun über all‘ die Blütenpracht.

 

Und vom Baume herab weht ein leises Grüßen,

Blütenblätter fallen mir zu Füßen.

Gute Nacht, so flüstert wie ein Traum

Ganz leis‘ mein Goldparmänenbaum.

 

Marie Kohnert, Eden

 

 

Familie Kohnert

Den wohl bedeutendsten Anteil an der Entwicklung des Kulturlebens in Eden hatte der die Edener Schule leitende Lehrer Otto Kohnert, der 1916 im Kriege fiel und den Edenern als “Vater Kohnert” unvergessen ist. Er war es, der die Verbindung mit der Umwelt aufnahm, gewissermaßen die Tore nach außen aufstieß und somit die nach außen gerichtete Entwicklung des Edener Lebens vorbereitete.  Vater Kohnert war eine einmalige Persönlichkeit. Er wurde der Lehrer nach dem Herzen der Edener. Er war nicht nur ihr Lehrer, er war der innigste Freund und beste Kamerad der Kinder. Keinen Abstand, keine Kluft gab es zwischen ihm und ihnen. Er führte die Kinder hinaus in die Natur und lehrte sie sehen und beobachten. Auf dem Schulspielplatz wurde die Welt neu entdeckt, es entstanden Häuser und Straßen, Burgen, Flüsse und Wälder. Tiere und Pflanzen und der Mensch in seinem Verhältnis zur Natur wurde beobachtet, und spielend lernten die Kinder ihr Pensum. Als Frucht dieser hingebungsvollen zwanglosen Erziehung erntete Lehrer Kohnert nicht nur die uneingeschränkte Liebe seiner Schulkinder, er erreichte, dass die Kinder frei von nachteiligen Hemmungen wurden, dass sie in ihrem späteren Leben unbefangen, natürlich und aufmerksam den Anforderungen des Lebens gegenüberstanden.

(aus dem Beitrag von Rolf Regener “Der Mensch lebt nicht von Brot allein” – Manuskript über das Edener Kulturleben – aus dem Jahre 1953, veröffentlicht in den EM Nr. 14  Nov./Dez.1994)

Die Nachfahren von Marie und Otto Kohnert besuchten Eden im April 1992 und beschrieben ihre Erinnerungen und Eindrücke in folgenden Briefen:

Briefe aus Canada (1993)

Eden damals – 1932 bis 1942

Aufregende Sache, mit der Bahn von Celle in die Sommerferien zu den Großeltern Waurich nach Eden zu fahren. Abstecher zur Modelleisenbahn­anlage im Zeughaus in Berlin, vom Bahnhof Oranienburg der Fußweg zum Kanal, an der großen Pappel mit dem zugemauerten Loch vorbei, und gleich waren wir dann auch bei Oma. Wer wohl all das Gepäck geschleppt hat?

Hinter der hohen Hecke und den zwei großen Tannen: Haus und Heimstätte, wo es immer viel zu entdecken und auch zu schaffen gab. Vorführung der Radfahrkunst mit dazugehörigem Körperkontakt auf dem Schlackenweg. Wie lange blieben diese schwarzen Stücke in der Haut?

Damals erzählte man mir auch von den Großeltern Kohnert, die schon vor meiner Geburt verstorben waren. Ich erfuhr von Opas beispielhaftem Schaf­fen als Lehrer und Kamerad im Wandervogel. Oma Kohnert schrieb Gedichte, die so vielen Leuten Freude gemacht haben. Alljährlich im Herbst kam zu uns eine große Holzkiste mit Flaschen voller Most, jede einzelne in Strohhülsen verpackt.

Kindheitserinnerungen ans Paradies?

Später, nach Kriegsende lernten wir mehr über Eden kennen. Boden-, Wirt­schafts- und Lebensreform waren auch danach gefragt, wie im Jahr 1893. Aber dieses “Wirtschafts- und politische Wunder” ging ja auch in eine andere Richtung, so wie ich zu Edener Jugendfreunden meiner Eltern nach Canada. Aber auch bei John Uppenborn und seiner Frau Gertrud wurden diese Kind­heitserinnerungen immer wieder wach, wenn ein Rundbrief von der Villa Ge­sell aus Argentinien bei ihnen ankam.

Gibt es so etwas wie einen Edener Geist?

Er scheint, wie das Erbbaurecht, von einer Generation zur nächsten immer weiter vererbt zu werden. Bei Besuchen meiner Eltern in Canada oder von mir bei ihnen in Celle war Eden irgendwie oft dabei. Die alten Edener Mitteilungen waren immer interessant und unser Lebensstil näherte sich allmählich dem der Edener. So lag der Wunsch, Eden noch einmal zu besuchen, immer recht nahe. Mit unserem Besuch bei meiner Mutter in Celle in diesem Frühjahr konnte dieser Wunsch dann nach mehr als 50 Jahren verwirklicht werden.

Horst Kohnert

Barriere B.C., Canada

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Eden – neu entdeckt

Sechs Kohnerts kamen aus verschiedenen Himmelsrichtungen zu einem Eden-Besuch im April 1992 zusammen. Mein Mann Horst kannte Eden aus seiner Kindheit, und auch Ulf Kohnert war kein Fremder im Ort. Gerd Kohnert, seine Frau Heidrun, unsere Tochter Nicole und ich waren voller Begeisterung, Eden nun das  erste Mal zu entdecken.

Ich war über die Geschichte Edens ziemlich gut informiert, über die Lebens­weise, die dort praktiziert wurde und auch heute noch leicht verändert wei­tergeführt wird. Mutter Ilse Kohnert sorgte dafür, dass die neuen Edener Mittei­lungen zu uns nach Canada kommen, und so war mir die Siedlung theore­tisch schon bekannt. Ich war aber nicht auf den Edener Geist vorbereitet, der sich bei unserem Besuch sofort angenehm bemerkbar machte.

Was löste dieses friedliche Wohlgefühl aus? Da waren erst einmal die freund­lichen Menschen. Herr und Frau Schurmann empfingen uns wie alte Freunde, und wir fühlten uns willkommen. Frau Iris Krüger, die uns mit so viel Humor und Energie durch die Siedlung führte, strahlte warme Freundlichkeit aus, was die Führung ganz besonders angenehm machte. Nicht zu vergessen sind die beiden Mädchen, die mit ihrem lieben Pferdchen und dem Kutschwagen die Tour durch Eden recht bequem für uns machten.

Wir fragten: “Was ist es, das Eden auch heute noch, nach mehr als einhun­dert Jahren und vielen Rückschlägen, zusammenhält? Die Antwort war: vor allem Tradition. Das ist es auch, was die Heimstätten, die Wege, die Häuser und Gärten ausstrahlen. Frau Krüger kennt die persönlichen Geschichten vie­ler Familien, die ihr Leben in der Siedlung verbracht hatten. Wir Kohnerts wollten nicht nur sehen, wo unsere Eltern und Großeltern wohnten und wirk­ten, wir hofften, auch nachzuempfinden, wie sie als Edener gelebt hatten.

Die Ideen der Lebensreform strömten stark und tief durch den Fluss der Gene­rationen. Dies ist auch heute noch besonders spürbar, wenn Edener über das Leben und Schaffen in der Siedlung sprechen. Wir hörten über neue Pläne für die “alten Edener”, wie sie liebevoll bezeichnet werden. Man will sie daheim behalten, dort wo sie im Schutz des Edener Geistes friedlich alt werden kön­nen. Es erschien uns, dass die Lebensweise Edens kräftig weitergetragen wird von der Jugend in der Siedlung. Im ehemaligen Erholungsheim ist der Kin­dergarten in vollem Schwung. Junges Leben sprießt überall. Die Zukunft Edens ist gesichert, solange es alte Edener gibt, die den jun­gen Menschen behilflich sind, den Edener Geist lebendig zu erhalten.

Was nun ist dieser Edener Geist? Wir haben festgestellt, dass man ihn weder genau erklären noch beschreiben kann, man muss ihn einfach in sich auf­nehmen. Gerd und Heidrun Kohnert haben den Inhalt unseres Besuches so passend zusammengefasst, indem sie sagten: “Wir waren in eine andere Zeit versetzt – in eine gute”.

Elli Kohnert

Barriere B.C.,

(veröffentlichte Briefe in den  EM Nr. 17  Mai/Juni 1995)