Unser Rotbuchenwald

 

Unser Rotbuchenwald

von Christiane Paczoch

Wir haben auf unserer Heimstätte einen Rotbuchenwald der besonderen Art, denn dieser wächst auf genau 110 m Länge und ca. 2 m Breite. Was ist denn das für ein langer und schmaler Wald, werdet ihr euch sicher fragen. Ja, es ist eine Anpflanzung der besonderen Art, nämlich unsere Hecke. Nach Osten hin begrenzt sie unser Grund-stück auf 70 und nach Süden auf 40 Meter. Sie bietet uns Schutz vor dem Staub der Edener Wege, die in trockenen Sommern zu fliegen scheinen, gibt den Vögeln Schutz und verleiht unserem Garten ein besonderes Klima. Und sie ist ein Blickfang, ein wahres Naturdenkmal, denn die gute alte Hecke ist schon ziemlich alt. Mein Urgroßvater pflanzte sie 1925 und wäre sie keine alljährlich beschnittene Hecke, wäre an dieser Stelle über die vielen Jahrzehnte hinweg ein Rotbuchenhain entstanden. In den alten Aufzeichnungen las ich, dass zunächst 34 sehr ausgebreitete und tief verwurzelte Nusssträucher gründlichst entfernt wurden und dann immer 30 cm nach innen vom Zaun entfernt insgesamt 220 schöne etwa 7-jährige Pflanzlinge aus der Edener Baumschule gepflanzt wurden.

In Eden war es von Beginn an üblich, zur Begrenzung der Heimstätten eine Hecke zu pflanzen. Vorzugsweise wurden dafür Thuja- und Rotbuchenpflanzen verwendet. Diese dienten nicht nur dem Sichtschutz, sondern auch dem Windschutz. Der Gartenboden konnte somit nicht vom Wind fortgetragen werden und es war auch wärmer und die Pflanzen wuchsen besser.

Mein Urgroßvater schrieb weiter: „Wenn die 110 Meter lange Rotbuchenhecke an den beiden Straßenseiten in etwa einem Dutzend Jahren gut mannshoch u. schon dicht eine lebendige, schon glatte Mauer – im Sommer grün, im Winter braun – sein wird, na ja, dann wird das Ganze noch schöner sein! Wenn Eden nicht von den drohenden Kriegen und Innenunruhen heimgesucht wird!“

Diese Hecke hat allem Stand gehalten und ist inzwischen höher als mannshoch und erfreut uns zu jeder Jahreszeit mit ihren hellgrünen, dunkelgrünen und orangebraunen Blättern. Das Laub der Rotbuche bleibt über den Winter hinweg an ihr hängen, vertrocknet und fällt erst mit dem Neuaustrieb im Frühjahr ab.

Natürlich ist unsere Hecke in diesem monumentalen Zustand auch eine Herausforderung für uns. Sie ist nicht nur meterlang, sondern auch hoch und breit. Und weil wir inzwischen auch schon in die Jahre gekommen sind, brauchen wir Hilfe beim alljährlichen Schnitt. Da stehen uns unsere drei Söhne mit neuen Ideen zur Seite oder eine Firma verpasst unserem Buchenhain wieder den nötigen Fassonschnitt.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals unsere alte große Hecke gießen mussten. Das wurde aber plötzlich in den Sommermonaten der letzten Jahre notwendig. Wir bangten um unsere Hecke und begannen sie an den Stellen zu gießen, wohin nie Gartenwasser kommt, weil es dort keine Gemüsebeete gibt. Es wäre ein unendlicher Verlust, wenn wir auf Grund des Klimawandels unsere fast 100-jährige natürliche Grundstücksbegrenzung verlieren würden. In Eden gibt es leider schon zahlreich diese traurigen Verluste.

Wenn wir Besucher auf unsere ROT-Buchen-Hecke aufmerksam machen, kommt immer die Frage: „Warum ROT? Die Blätter sind doch grün.“ Dann zeigen wir auf unsere stattliche Blutbuche mit den roten Blättern, die im hinteren Teil unseres Gartens steht und versuchen den Unterschied zwischen ROT-, WEISS- und BLUT-Buche zu erklären.

So freue ich mich, dass die Rotbuche in diesem Jahr >Baum des Jahres 2022< ist und dieser Baum dadurch wieder an Aufmerksamkeit gewinnt. Und das sogar schon zum 2. Male, denn bereits 1990 wurde ihr dieser Titel verliehen. Die Rotbuche ist der häufigste Laubbaum in unserem Land und europäische Buchenwälder gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Rotbuche kann eine stattliche Höhe von 30 m erreichen und ihre Krone ist im Alter breit und die Äste hängen tief und ausladend. Die Rinde der Rotbuche zeigt sich glatt und silbergrau und ihre Wurzeln verlaufen flach nahe der Erdoberfläche. Blüten bilden sich erst nach 30 Jahren. Es gibt männliche und weibliche Blüten. Beide Blüten werden von einem gemeinsamen Fruchtbecher umgeben. Dieser verholzt bis zum Herbst und gibt dann die Nüsse frei, die sogenannten Bucheckern. Durch die wechselständige Anordnung der Blätter entsteht ein dichtes Blattwerk. Im Herbst bilden sich bereits die großen dunkelbraunen Knospen aus denen im Frühjahr dann die hellgrünen Blätter sprießen. Typisch für die Blätter sind ihre glatte Oberfläche und ihr glatter Rand. An der Unterseite befinden sich bei jungen Blättern Härchen. Ältere Blätter sind haarlos und glänzen dunkelgrün. Anhand der Blätter zeigt sich auch der Unterschied zwischen einer Rotbuche und einer Hainbuche, die auch Weißbuche genannt wird. Die Blätter der Hainbuche haben eine ähnliche Form wie die der Rotbuche, sie sind nur am Rand gezahnt. Aus diesem Grund wird die Hainbuche auch Buche genannt, obwohl sie zu den Birkengewächsen gehört. Die Blutbuche mit ihren rötlichen Blättern ist eine Mutation der Rotbuche.

Und warum heißt die Rotbuche nun aber ROT-Buche? Der Baum hat seinen Namen durch die Farbe seines Holzes, das einen roten Schimmer hat. Das Holz ist hart und mag keine Nässe. Daher wird es hauptsächlich im Innenbereich verwendet, zu Möbeln und Spielzeug verarbeitet, aber auch als Dachbalken eingesetzt.

Die Buche gibt auch den Wörtern >Buchstabe> und >Buch<den Ursprung, denn die Germanen ritzten ihre Runen auf Buchenholz.

Dass dieser Baum nun bereits zum 2. Male als >Baum des Jahres< Beachtung findet, verwundert nun nicht mehr, oder? Ich freue mich jedenfalls, von einem einhundertjährigen Rotbuchenwald umgeben zu sein und möchte alles dafür tun, dass dieser noch sehr lange erhalten bleibt.

 

In diesem Sinne grüßt Christiane

Eden, im März 2022

Schreibe einen Kommentar