Nachtigall Teil 2
Viele von Euch haben sich für den Beitrag über die Nachtigallen bei uns bedankt und aus einer alten Edener Mitteilung hat uns Robert Schurmann diesen Artikel geschickt. Vielen Dank und viel Spaß beim Lesen
Die Nachtigall – Vogel des Jahres 1995
Den Gesang der Nachtigall kennt wohl jeder, der sich noch halbwegs ein Gespür für unsere Umwelt bewahrt hat und sich wenigstens noch so viel Zeit nimmt, einen solchen Liedvortrag auf seine Seele wirken zu lassen. Gesehen allerdings haben indes nur wenige Menschen den kleinen unscheinbaren Sänger, denn dieser gibt sich auch alle Mühe, wohl gehört, aber nicht gesehen zu werden. Durch den Gesang grenzt die Nachtigall gewissermaßen ihr Revier ein, und dass sie imstande ist, ein trotzdem so heimliches Leben zu führen, dazu verhilft ihr u.a. ihr relativ bescheidenes Federkleid. Der Vogel ist auf der Oberseite einfarbig braun bis dunkelbraun, jedoch zeigt der Schwanz eine rötlich-braune Farbe. Kehle, Brust und Bauch erscheinen hingegen in einem helleren bis dunkleren Grau. Der Vogel selbst ist nur etwas größer als ein Sperling, führt entgegen diesem jedoch ein scheues unstetes Leben, meist im Gebüsch und in Bodennähe bzw. direkt auf dem Boden. Die Nachtigall läuft schnell auf dem Boden mit halbherabhängenden Flügeln und halb erhobenem wippendem und sich ab und zu spreizendem Schwanz. Der Lockruf ist ein gedämpftes “tak-tak”. Wird der Vogel gestört, lässt er ein recht lautes “fit, fit-karr-fitkarr” hören. Das Nest befindet sich im dichten Unterwuchs in Bodennähe, meist jedoch direkt auf dem Boden. Das Nestbaumaterial besteht zumeist aus dürrem Laub. Das Nest kann bis zu fünf olivgrüne braungefleckte Eier oder eine entsprechende Anzahl von Jungvögeln enthalten. Durch sein Leben in unmittelbarer Bodennähe ist der Vogel leider durch Katzen besonders gefährdet. Mitunter werden die Eier auch eine Beute der Igel.
Will man die Nachtigall beobachten, so muss man alle hektischen Bewegungen vermeiden, man muss sich so ruhig wie möglich verhalten. Das schönste und auffälligste an der Nachtigall ist jedoch ihr herrlicher Gesang, der von etwa Mitte April bis Ende Juni zu hören ist. Er beginnt zumeist mit immer stärker werdenden Pfeiftönen und geht in trillerndes Schlagen über, worauf dann verschiedene sehr melodische Motive folgen. Der Gesang wird dann laut flötend mit ansteigendem, fast schluchzendem “Crescendo” (ein Begriff aus der Musikwelt, er will sagen, dass es mit leisen Tönen beginnt, um dann immer lauter und eindringlicher zu werden), neben vollem wiederholten Flöten, das man in einigen Fällen, je nach dem Können des Sängers, nur als ein seelenvolles Schluchzen beschreiben kann. Der Vogel singt tagsüber und besonders auffällig auch in der Nacht, was die Nachtigall von den meisten anderen Vögeln unterscheidet. Somit ist ihr Name voll gerechtfertigt. Wie schon angedeutet, spielt sich das Leben des kleinen Vögelchens vorwiegend in Bodennähe ab, nur zum Singen setzt sich das Tierchen auf höhere Zweige, die oft freier hinausragen, aber dennoch genügenden Sichtschutz bieten.
Wie ich bereits in den Edener Mitteilungen Nr. 11 (Mai/Juni 1994) ausführte, hatte ich mir gerade in jüngster Zeit große Mühe gegeben, auch wieder mal eine Nachtigall auf unserer Heimstätte heimisch zu machen. Damals musste ich berichten, dass sich zwar eine Nachtigall einstellte, aber leider nur besuchsweise. Dieser Bericht betraf das Jahr 1993. Aber 1994, wer beschreibt meine Freude, blieb der Vogel das ganze Jahr über, und soweit ich dies ohne Störungen beobachten konnte, hat er auch im Garten gebrütet. Mit Sicherheit kann ich aber leider nicht sagen, ob die Jungen alle glücklich ausgeflogen sind.
Eine Besonderheit für den Vogelfreund ist die Tatsache, dass in unserer Hemisphäre hin und wieder ein zweiter Tag- und Nachtsänger auftritt. Die Rede ist vom Sprosser, einem Vogel, der fast die gleiche Lebensweise wie die Nachtigall hat, jedoch mehr noch als diese einen feuchteren Standort vorzuziehen pflegt. Auch im Aussehen gleicht der Sprosser der Nachtigall zum Verwechseln, lediglich seine Brustseite ist mehr oder minder mit dunklen Flecken gesprenkelt. Eine weitere Unterscheidung ist der Gesang des Sprossers; dieser ist fast so schön wie der der Nachtigall, jedoch härter und rollender. Dem Gesang des Sprossers fehlt allerdings das schluchzende “Crescendo”. Dem Beobachter, der sich weniger intensiv mit dem Leben der Vögel befasst, wird der Unterschied zur Nachtigall kaum auffallen, man muss sich schon die Zeit nehmen, um genau hinzuhören. Die Wissenschaft bezeichnet denn ja auch beide Tiere mit dem gleichen Gattungsnamen, nur die Unterart hat eine andere Bezeichnung erhalten. Man ist sich einig mit der Feststellung, dass es sich früher mal um den gleichen Vogel handelte. Beide Populationen wurden damals, in grauer Vorzeit, durch die Eiszeit getrennt und haben sich demzufolge unterschiedlich entwickelt. Auf jeden Fall habe ich selbst im Oranienburger Schloßpark einen Sprosser festgestellt und da ich ihn mehrfach gesehen bzw. gehört habe, kann es sich nicht um einen sogenannten Irrgast gehandelt haben. Wir liegen also im Einzugsgebiet beider Vogelarten.
Leider ist die Nachtigall ein Zugvogel, somit führt der Wanderweg des Vögelchens ins Winterquartier auch über den Süden Europas. Ob Italien – Malta – Spanien oder Südfrankreich, überall wird den kleinen Singvögeln mit Flinte, Falle, Netz oder Leimrute stark nachgestellt. Es ist ein Sport in diesen Ländern, zwar heute auch verboten, nur es hält sich keiner daran und eine Kontrolle findet nicht statt. So enden jedes Jahr bedauerlicherweise Hunderttausende dieser kleinen Lebewesen völlig sinnlos. Deshalb wollen wir uns umso mehr freuen, wenn jedes Jahr erneut der Schlag der Nachtigall zu hören ist, und wir wollen uns glücklich schätzen, dass es den Vögeln offenbar immer wieder gelingt, den Menschen ein Schnippchen zu schlagen.
Eginhard Michael, Eden