Die Anfänge Edens – Teil 6 Erinnerungen von Richard Haupt
Warum ich nach Eden kam?
Richard Haupt, Eden
(EM Nr. 9-12. Sept.-Dez. 1933, Seite 206)
Um im Freien arbeiten zu können. Von Beruf Seidenweber, hielt ich es bei den lärmenden mechanischen Webstühlen in der Fabrik nicht mehr aus. Im Rheinland wurde ich magenleidend. Ich ging zu einem Naturarzt in Düsseldorf, der mir riet, vegetarisch zu essen und gut zu kauen, was ich auch befolgte. Nun suchte ich aber nach gesunder Beschäftigung. Gelegentlich kam mir ein Edener Prospekt in die Hände, – und am 26. April 1899 landete ich in Eden. Das genossenschaftliche Leben sagte mir zu, obgleich mir die Arbeit manchmal recht schwer fiel. Besonders das Verteilen des Berliner Straßenkehrichts in der heißen Sommerszeit auf dem heißen Sandboden war eine schweißtreibende Beschäftigung, denn im weichen Sandboden mußte die Last von zwei Mann getragen werden. Doch die Aussicht, eine Heimstätte zu erlangen, gab uns wieder frischen Mut. Denn es ist doch für den Menschen m. E. das höchste Ziel, Boden unter die Füße zu bekommen, Boden, auf dem er nicht nur der Geduldete ist, von dem ihn niemand herunterjagen kann. Und ferner bietet die eigene Scholle: selbstbereitete Freude durch den Erfolg selbstbefohlener Arbeit. Die ersten Radieschen, die ersten Kartoffeln zu ernten, die Früchte von selbstveredelten Bäumen zu pflücken, die selbstgezogenen Blumen, alles das bringt wahre Freuden und Genüsse. Die einzige Siedlung, in der es damals möglich war, mit wenig Geldmitteln zu einer Heimstätte zu kommen, war Eden.
Die recht schwierigen Anfangsjahre konnten aber nur überwunden werden, weil in Eden Genossen am Werke waren, die nicht nur mit Worten, sondern auch mit Tat tapfer wirkten; denn sie hatten ein Ideal. Männer, wie Krecke, Scheffler (der in der schwierigen Zeit auch mit Kapital einsprang) und die anderen alle, waren gute Vorbilder und Führer.
Weiterhin erinnert sich Richard Haupt im Oktober 1952 (EM Nr. 82, März/April 2006, S. 14-15):
Als ich im April 1899 nach Eden kam, standen hier noch keine 10 Häuser, aber schon das Genossenschaftshaus. Ich konnte auch bald im Gartenbetrieb mitarbeiten, Anfangslohn 0,25 M pro Stunde. Oft war ich beim Verteilen von Berliner Straßenkehrichts beteiligt, der jahrelang in Kahnladungen bezogen wurde. Das war auch sehr nötig, der karge Heideboden hätte uns keine Zukunft gesichert. Besonders für Erdbeerkultur wurde, nachdem gegraben war, erst Kalk gestreut und dann eine Schicht von 10 cm Kehricht aufgebracht, und dahinein wurden Erdbeeren gepflanzt. Auch Rhabarber wurde angebaut und nach Berlin zur Zentralmarkthalle an unsere Kommissionäre geschickt. Mit zweirädrigen Wagen wurden die Bündel Rhabarber zum Oranienburger Güterbahnhof gefahren, aber meist im Galopp, denn bis 5 Uhr nachmittags mussten wir dort sein.
Mit den Erdbeeren hatten wir damals allerhand Erfolge. Besonders große und schöne Früchte wurden in flache Schachteln – ca. 30 bis 40 cm groß und mit Papierkanten dekoriert – in einer Schicht gelegt. Mit zwei Stapeln und Empfehlungsbrief versehen fuhr ich nach Berlin und besuchte erstklassige Hotels, wie Continental, Monopol, de Roma, de Russ, Kaiserhof u.a. Das war 1901. Im Kaiserhof wurde der Direktor gerufen, der auch gleich erschien (mit Zylinder), und unsere Erdbeeren wurden im Lichthof ausgestellt. Ein Beweis für die Güte unserer Ware.
Auch erste Delikatessgeschäfte in der Friedrichstraße und Unter den Linden belieferte ich öfters mit Erdbeeren. Der Preis betrug 2,00 M je Pfund und auch manchmal etwas mehr. Etwas später, als wir größere Mengen Erdbeeren ernten konnten, wurden sie in Zweipfundkörben und in Lattenkisten verpackt und per Bahn zur Markthalle geschickt. Eines Sonnabends wurden trotz Verbot dort Erdbeeren angeliefert. Da sonntags aber kein Güterverkehr ist, durften auch die leichtverderblichen Früchte nicht per Eilgut geschickt werden. So wurden dann Schwandt (leider ist der brave und fleißige Genosse, der auch „Bauleiter“ meiner Junggesellen-Villa auf der Heimstätte 90 war, schon vor 24 Jahren gestorben) und ich gerufen, wir mussten die zwei Lattenkisten (je mit 96 Pfund) mit dem Vorortzug nach Berlin bringen und versuchen, bei unseren Kommissionären die Ware abzusetzen. Wir besorgten uns dann einen zweirädrigen Wagen in der Invalidenstraße und schafften unsere Erdbeeren zur Zentralhalle. Aber die Herren Großhändler winkten ab. Wir durften aber die Erdbeeren dort in den Keller bringen. Wir zogen dann beide los und suchten uns eine billige Bleibe für die Nacht und kauften auch etwas zu essen, denn vorgesehen war die Übernachtung nicht. Sonntag früh vier Uhr fuhren wir mit unseren Erdbeeren dann zur Ackerhalle, Ackerstraße, und konnten da noch unsere sorgenvolle Last absetzen, und auch zum damals üblichen Engrospreis von 0,21 M per Pfund.
Für die Winterarbeit wurde für uns auch gesorgt: Straßenbau, denn die Wege mussten ja befestigt werden. Fuhrmann Wolter hatte gewiss stets kräftige Pferde, aber sie konnten manchmal doch nicht weiter. Von Kaisers Hüttenwerk bekamen wir viel grobe Schlacke; Klamotten waren damals noch sehr knapp, anders als heute. Auch große Weidenkörbe versuchten wir zu flechten, am Sonnenbad im Westen war eine Weidenanpflanzung. Doch die Flechterei wollte nicht so recht klappen. Auch die damalige Schlänke, wo jetzt Leymanns Gärtnerei ist, wurde aufgefüllt durch die Feldbahn.
In den Anfangsjahren kamen – und gingen auch wieder – die verschiedensten Leute. Bei Wind und Wetter zu arbeiten war nichts jedermanns Sache. Aber einen Genossen, der dort einige Jahre mitarbeitete, muss ich doch näher beschreiben. Er war Gärtner, konnte veredeln und auch arbeiten. Doch später wurde er die Arbeit über. Er lag dann gern im Sonnenschein auf seiner Heimstätte 41. In seinem Häuschen hing auch ein Spruch: „Arbeit ist Sünde, Arbeit ist Verwüstung, Arbeit ist Qual, – Leben heißt spielen, Leben heißt fröhlich sein im Sonnenstrahl.“ Er zog von uns nach Schmachtenhagen und wohnte in einer Lehmhütte auf Pachtland und zog einjährige Veredelungen heran, die er an Baumschulen absetzte.
Sonntags wurden manchmal Ausflüge gemacht, woran sich viele beteiligten. Einen Winterausflug möchte ich noch schildern: Im Januar 1901 war prächtige Eisbahn. Der Kanal hatte Spiegeleis. So fanden sich zehn „Eissportler“ zusammen, und eines Sonntages fuhren wir los bis Neuruppin. Dort war auf dem großen See viel Betrieb. Doch wir verspürten Hunger und gingen in die Stadt. Wir fanden auch einen Bäckerladen (Vegetarier gehen doch in keine Kneipe) und stärkten uns an Gebäck und Milch. Die Bäckerfrau bewunderte sichtlich unseren Appetit. Gegen Abend musste ja nun wieder die Heimfahrt angetreten werden. Aber die Mehrzahl wollte mit der Bahn nach Hause fahren. Doch wir drei, Schwandt, Willkommen und ich fuhren wieder auf dem blanken Eise zurück und schnallten unsere Schlittschuhe um 1 Uhr früh an der Germendorfer Brücke wieder ab, es war heller Mondschein. Am Montag ging’s dann wieder nach dem Läuten der Glocke (am Genossenschaftshaus) an die Arbeit.