Eden damals: Das Edener-Apfelsaft-Mädchen
Jugenderinnerungen von Annemarie Heine, geb. Saß
Als ich noch für Edener Apfelsaft Modell gestanden habe
Während der Festtage zur 100-Jahr-Feier (im Mai 1993) wurde ich auch durch die liebevoll gestaltete Ausstellung geführt und plötzlich stand ich vor einem Werbeplakat für Edener Apfelsaft mit der unverkennbaren Sütterlinschrift. Das Mädchen auf dem Plakat war ich selbst, 12 Jahre jung, und schon erinnere ich mich:

Ich stand wieder bei Paul Bein im Atelier im Südweg, hatte das Tablett in beiden Händen und zappelte herum, denn es dauerte alles viel zu lange, bis der pingelige Künstler mit dem Malen fertig war. Ich wollte doch noch unbedingt zum Kanal baden gehen. Endlich hatte er Mitleid mit mir und tröstete mich mit einem Stück „Frankfurter Kranz“. Ich wundere mich heute, dass es damals schon fertiggepackten Kuchen gab. Den hatte er bei Plümpke in Germendorf gekauft. Plümpke war der schönste Laden, den ich je gesehen hatte. Da gab es alles: Sattel, Seife, Schuhe, Kleiderschürzen, Lebensmittel, Heringe, Bonbons usw. Ich war zu gern dort, es roch so schön eigenartig.
Und dann war ja hundert Meter weiter gegenüber der Bahnhof Germendorf und mein Vater darin der wichtigste Mann. Er machte fast alles: Weichen stellen, Karten verkaufen, morsen und Züge abfertigen. Hin und wieder half ihm auch ein komisches Männchen saubermachen oder heizen und sah auch nach dem Häuschen nebenan, in dem „Herr Abort“ wohnte, wie ich damals meinte …
Wenn ich meine Zeit bei Herrn Bein abgesessen hatte, ging ich mit einem Reststück Kuchen für meine Mutter nach Hause. Die beäugte es sich misstrauisch, kostete und sagte: „Schmeckt nach Hering!“ Damit war der Fall abgetan und wieder bestätigt, dass sie besser backen konnte, was wirklich stimmte, denn oft ergatterten wir ein frisches Stück Kuchen – gleich aus dem offenen Küchenfenster, wenn wir am Sonnabend vom Volkstanz kamen.
Bis das Plakat endgültig fertig war, musste Herr Bein wohl Plümkes gesamten Frankfurter Kranz aufgekauft haben, er schmeckte trotz Heringsaroma und letzten Endes war das ja meine „Gage“!

Herr Bein hatte bei uns am Birkenweg seinen Garten. Hier verdienten wir uns manchmal unser kleines Taschengeld beim Erdbeerpflücken. Das machten wir lieber als die ollen Johannisbeeren zu Hause, wo man auch noch aufpassen musste, dass keine Blätter mit in die Körbe fielen, denn die mussten wir ja noch in der Obstverwertung abliefern, in einwandfreiem Zustand!
Wenn die Abende länger wurden, tauchte Paul Beins kahler Schädel, schwach von der Wohnzimmerlampe beleuchtet, an unserem Fenster auf. Zuerst erschraken wir, doch schon bald wurde es eine liebe Gewohnheit, ihm zu öffnen, obwohl er nie klopfte. Er brachte oft was zum Basteln mit, meist selbst entworfene Häuser oder Burgen aus dickem Papier, die wir zusammenkleben sollten. Da wir nicht soviel Ausdauer wie er hatten, klebte er am Ende das meiste selbst, ließ aber für die nächsten Besuche noch Arbeit übrig. Er wollte ja wiederkommen.
Dann entdeckte er uns für seine Kamera und unsere Eltern entdeckten bald darauf ihre Kinder in den Edener Mitteilungen. Uns war das egal, früher waren die „Modells“ eben recht bescheiden.
Ostern schlich Paul Bein sich noch bei Dunkelheit in unseren Garten, um Ostereier zu verstecken, die für uns aber unauffindbar waren. Er suchte sie dann auch selber. Es waren immer Marzipan-Schokoladen-Ostereier, die wir im Gegensatz zu heute nicht so gern aßen.
Dieser große hagere Mann gehört zu all den Edenern, denen ich von Herzen dankbar bin, dass es sie gab und die mir zu einer wundervollen Jugendzeit verhalfen.

(1. Text und Foto aus Edener Mitteilung Nr. 7 September/Oktober 1993, 2. Foto einer alter Edener Postkarte, 3. Foto vom Stromkasten am Edener Ostweg)