Kindheitsweihnacht
Cornelia Riebe, 1925 in Eden geboren, schrieb vor vielen Jahren ihre Erinnerungen an die liebe Kindheitsweihnacht nieder. Sie schildert den Heiligen Abend in der Oranienburger Weihnachtskirche und erzählt vom Schenken und Beschenkt werden und ihrer Glückseligkeit, als sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllte.
All diese Erinnerungen, die in der Familie bewahrt wurden, sind nun sanft überarbeitet und gekürzt hier wiedergegeben. Viel Freude beim Lesen!
Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest wünscht euch Christiane
Kindheitsweihnacht – Erinnerungen von Cornelia Riebe
Am Heiligabend ging es zur Christvesper in die Oranienburger Nicolai-Kirche, die wir nur als Weihnachtskirche kannten und so nannten. Für uns Alt-Lutheraner war es an diesem Tag zu weit, in unsere Berliner Kirche zu fahren. Es bürgerte sich ein, dass unser Vater gleich nach dem Mittagessen mit allen Kindern zur Kirche zog, um der geplagten Hausfrau freie Bahn zu schaffen. Gut verpackt, den Kleinsten in der unvergesslichen Naether-Kutsche, zogen wir weihnachtsfreudenvoll und sehr früh ab.
Die Kutsche wurde bei Gärtner Krause abgestellt und wir konnten recht weit vorn in den Kirchenbänken sitzen. Wir bestaunten den großen Baum und das Entzünden der Kerzen und den blauen sternglitzernden Altarraum. Während sich die Kirche immer mehr füllte, erklärte unser Vater uns den Kirchenraum und die Orgel auf der Empore, die mit Händen und Füßen gespielt wurde. Er machte es so anschaulich, dass der kleine Lukas beim Herausgehen unter der Empore stehen blieb und hochschaute: „Ich will Kantor Försterlings Beine sehen!“ Als Festredner kann ich mich nur an Oberpfarrer Thiele erinnern, den wir ja vom Kindergottesdienst bei Großens in der Biedermeierstube kannten. Je weiter die Predigt dem Amen zu kam, desto höher schlug das Herz. Wenn Oberpfarrer Thiele aber das Schlusslied ansagte mit seinem unverkennbaren ostpreußischen Anklang: „Und wollen wir singen: O du fröhliche, o du seliche jnadenbringende Weihnachtszeit!“, dann meinte ich schier bersten zu müssen vor Freude und Erwartung.
Nun ging es zu Gärtner Krause an der Ecke Kremmener-Havelstraße ins Gewächshaus, um den Wagen zu holen und für Mutti ein schönes Alpenveilchen zu kaufen. Wie kann man der Jugend heute erklären, dass dort, wo heute die Neubaublöcke stehen, die Gärten der Krauses hinter einem dürftigen Holzzaun lagen und ein niedriges langes Wohnhaus direkt an das Pflaster des Bürgersteiges grenzte.
Inzwischen war es dann dunkel geworden und wir bejubelten unterwegs die ersten brennenden Kerzen am Baum in den Wohnstuben, die wir durch die Fenster sahen. Unsere gute Mutter aber hatte in der Zeit wieder einmal Großeinsatz gehabt, um nach unserem Aufbruch aus dem Chaos in der Küche festlichen Glanz und eine Bescherung zu zaubern. Ich habe sie später einmal gefragt, wie sie das immer geschafft hätte. Ja, sie wusste es nicht mehr und staunte selbst. Jeder Handschlag war geplant und musste sitzen. Die Geschenke konnten erst dann aus den Verstecken geholt werden und aufgebaut, Baum und Kerzen aufgestellt. Wenn wir dann antrabten, stand sie schon in der Hintertür.
In der kleinen Küche standen dann schon die neuen Hausschuhe bereit und unsere winterliche Verpackung wurde mit leichten Festkleidern vertauscht und wir stärkten uns mit Saft und Kuchen. Dann verschwanden die Eltern in der Weihnachtsstube und die große Bettina bekam den Auftrag, uns kleinen Geschwistern in der dunklen Küche noch einmal die Weihnachtsgeschichte zu erzählen. Wie dankbar war ich damals, nicht die Große sein zu müssen mit so schweren Aufgaben.
In der Stube hörten wir es rascheln und knistern. Dann war es so weit, das Glöckchen schepperte und die Tür zum Kinderparadies ging auf. Verlegen und zögernd kamen wir in die mit Kerzenlicht strahlende Stube. Das Bäumchen stand in der Klavierecke und unter dem Fenster war der Gabentisch für uns Mädchen aufgebaut und für die Jungs daneben der Kindertisch hergerichtet. Es gab kein gemeinsames Singen und Aufsagen, das war ja in der Kirche geschehen und wäre doch sehr piepsig ausgefallen. Mit „A“ und „O“ näherten wir uns unserem Gabentisch, und wenn der geheimste Wunsch entdeckt war, gab es Jubellaute zu hören. Alles in allem waren wir sehr zurückhaltend mit unseren Gefühlsausbrüchen und wussten nur schwer unseren Dank auszudrücken. Doch die Eltern spürten unsere Freude und dass sie wieder unseren Herzenswunsch getroffen hatten. Wie viel Liebe und Sorge das gekostet haben mag, kann sich heute keiner mehr vorstellen, denn es reichte ja auch ohne Geschenke nicht hinten und vorn. Das Weihnachtsloch war noch Monate hin ein unauffüllbarer Abgrund.
Bei den Jungens waren es bald nicht mehr Brummkreisel und Klötzchen, an ihrer Stelle schmückten Stabilbaukasten und blechernes Fahrzeug den Tisch und immer mehr zum Aufziehen ratterte durch die Stube. Bei uns Mädchen verschwand immer mehr der Puppenkram, Bücher traten an die Stelle. Mit großer Freude wurde immer wieder ein neuer Nesthäkchen-Band begrüßt, später waren es Duden und Realienbuch und eine neue Federtasche.
Mein schönstes Fest war und bleibt aber der Heiligabend, an dem die Babypuppe Christel unter dem Baum saß. Als ich zu meinem 11. Geburtstag bei Onkel Johannes in Königsberg sein durfte, hatte ich bei meinen Schaufensterbummeln in der Innenstadt dieses herrliche Babykind entdeckt. Immer wenn ich mir Lesenachschub in der Kinderbibliothek holte, drückte ich mir die Nase an dem Schaufenster platt. Ich hatte nie genug davon erzählen können, wie lebendig und kuschelig weich es sein müsste mit seinem Stoffkörper und wie lebendig die Augen aussahen, die nicht nur auf und zu, sondern auch hin und her gingen, im Liegen und beim Sitzen sich schließen konnten. Ja, sogar die Zunge ließ sich bewegen und kleine Zähne waren zu erkennen. Mutti aber wehrte solchen geheimen Wunsch ab: „Du bist bald 12 Jahre alt und viel zu groß für eine Puppe!“ Doch immer blieb bei mir ein ganz kleines Stückchen Hoffnung.
Es tat schon ein bisschen weh, als das Puppenkind nicht vom Gabentisch lachte und ich gab mir große Mühe meine Enttäuschung zu verbergen mit Bewunderungsäußerungen für andere kleine Gaben, über die ich mich undankbarer Weise nicht so sehr freuen konnte. Erst Muttis vorwurfsvolles Wort ließ mich aufhorchen: „Und zum Baum guckt keiner!“ Pflichtschuldigst drehten wir uns alle um – und da saß mein Wunschkind in seiner ganzen Liebheit unter dem Lichterbaum. Damals konnte ich auch nicht jubeln, aber die Tränen stehen mir jetzt noch beim Schreiben in den Augen vor so viel Glück.
Unser Weihnachtsbäumchen war ohne Lametta und Kugeln mit Zuckerklingeln behängt. Die Kerzenhalter stammten aus der Produktion des Onkels, an ihnen hingen die blankgeriebenen Roten Jungfernäpfel. Auf dem runden Esstisch standen die Bunten Teller, klein und fein mit Marzipankartoffeln und Schokoladenstückchen, Kringeln, Butterlinsen und Trüffelkugeln und all den Herrlichkeiten. Äpfel und Nüsse und Pfefferkuchen wurden nicht zugeteilt. Jeder Teller war gezeichnet durch eine andere Marzipanfrucht. Alles war so verlockend, dass es gut war, in den Festtagen möglichst viel draußen zu sein, um nicht immer den süßen Verlockungen ausgesetzt zu sein, ja nicht der Erste mit leerem Teller sein zu müssen.
Mit der vorweihnachtlichen Bäckerei hatte es anfangs seine Schwierigkeiten. Wer hatte schon eine Backröhre. Der Teig in Formen und die Plätzchen auf dem Blech mussten zu Bäcker Reinecker geschafft werden und beim Hefeteig kam ich mir recht komisch vor, wenn ich sagen musste: „Er ist erst einmal gegangen!“ Einmal habe ich die große blaue Bunzlauer Schüssel mit Teig auf den Ostweg gekippt. Auf mein Gebrüll kam Mutti – nichts Gutes ahnend – gleich mit Holzkelle bewaffnet angestürzt. Die umgestülpte Bescherung sehend bekam ich erst eins über und dann wurde zurück gelöffelt, was zu retten war. Wunderbares Mürbegebäck nach Großmutters Rezept ist mir in Erinnerung, geformt zu Kringeln, Bretzeln und S-Figuren.
Sehr wichtig war im Verlauf des Heiligabendprogramms das Verteilen unserer kleinen Geschenke. Fünf Familienmitglieder zu beschenken kostete schon seine Überlegungen. Mehr als 5 Mark brachte ich im Sommer beim Johannisbeerenpflücken nicht zusammen, es dauerte schon einen Tag einen großen Korb zu füllen. Für Markus kaufte ich zu einem Fest im „Eisenbahnladen“, dem Edener Kunstgewerbe- und Buchladen, einen kleinen Holzlöwen für 65 Pfennig. Solche Tiere schmückten im Sommerhalbjahr den Holzkranz der Kindergartenlampe und gefielen mir so gut. Markus nahm dieses Tier überhaupt nicht an und bei jedem Umzug stolpere ich noch heute über diesen Fehlkauf. Da war es schon besser mit Selbstgebasteltem.
Es war auch wieder gebastelt worden im Kindergarten, in der Schule oder in den Bastelstunden. Mit dem Kleben, Häkeln, Stricken und Sticken wurde es jedes Jahr besser für all die unnützen kleinen Geschenke, die mit so viel Mühe entstanden. Gemalt und getuscht wurde viel, Gedichte und Wünsche abgeschrieben, Transparente gebastelt. Leider ging es mir nicht so von der Hand wie meiner großen Schwester, die wirkliche Kunstwerke baute und Ideen hatte, die sie auch durchführen konnte. Beim Basteln mit Gertrud Quitmann baute sie uns einen Kaufmannsladen aus einer Edener Margarinekiste, perfekt eingerichtet. Von ihr stammten auch die Adventskalender und Anziehpuppen. Bettina knetete Krippenfiguren mit vielen Engeln. Die Krippe kam vom Fotografieren bei Herrn Bein nicht zurück und verstaubte dort, doch das Bild in den Edener Mitteilungen zeigt, dass sie einst im Edener Saal ausgestellt wurde.
Edener Kunstwoche 1932. Farbige Krippe von Bettina Mittelstädt, Eden
(Foto aus den EM Nr. 2, Febr. 1932, S. 43)