Mit dem Apfel fing es an
Mit dem Apfel fing es an
Es war im Herbst 1950, als ich im Alter von vier Jahren bei meinen Großeltern lebte und zum ersten Mal von einem riesengroßen Garten träumte. „Großvater, wenn ich einmal alt bin, dann möchte ich auch auf so einer Bank unter einem Apfelbaum sitzen können wie du“.
Der knorrige Boskoop-Hochstamm in seinem fränkischen Bauerngarten hatte es mir angetan. Auf die Verwirklichung meines Traumes musste ich dann allerdings vierzig Jahre warten, bis ich zusammen mit meiner Frau Sabine im Edener Südweg ein Erbbaurecht erhielt und wir auf der alten Edener Baumschule, die später auch als Privatgärtnerei und zu DDR-Zeiten für Getreideanbau genutzt wurde, einen Garten gestalten und ein Häuschen bauen konnten.
Bei unserem Obst- und Gemüseanbau für die Selbstversorgung standen Apfelbäume im Mittelpunkt unserer Planung.
In den alten Edener Mitteilungen fanden wir eine empfehlende Sortenliste für den Standort Eden mit seinen sandigen Böden und Spätfrösten, die von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe „Garten“ aktualisiert und in der Siedlung verteilt wurde. Mit Hilfe unserer genossenschaftlichen Gartenbauberaterin bestellten wir in der oberbayerischen Baumschule Brenninger Hochstämme alter Sorten wie Roter Boskoop, Gewürzluiken, Landsberger Renette, Roter Gravensteiner und natürlich die in Eden viel gelobte Goldparmäne.
Von der ehemaligen Edener Baumschule am Leuschweg erwarben wir später noch drei Halbstämme (Cox Orangenrenette, Jakob Fischer und Ruhm aus Kirchwerder).
Mit etwas Wehmut schauten wir anfangs in die Nachbargärten, in denen jedes Frühjahr die alten Obstbäume blühten und die im Spätsommer reichlich Äpfel trugen, denn es dauerte noch einige Jahre, bis die kleinen Bäumchen gewachsen waren und unseren Bedarf an Äpfeln deckten.
Wohin aber mit den Früchten, die wir nun zu Saft pressen wollten?
Dazu ein kleiner Rückblick: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte auch Eden einen Neubeginn, der durch die politische Teilung Deutschlands mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Um die genossenschaftlichen Interessen und Ziele zu schützen, wurde 1950 in der Bundesrepublik die Eden-Waren GmbH gegründet und man brachte dort die Edener Warenzeichen, Rezepturen und Kundenlisten ein. In der Edener Obstverwertungsanlage produzierte man weiterhin für die DDR-Reformhäuser, doch 1972 wurde der Betrieb vom Staat enteignet und als Volkseigener Betrieb übernommen. Dadurch war der Genossenschaft ihre wirtschaftliche Grundlage entzogen.
Die Hoffnung, nach der Wiedervereinigung Deutschlands beide Betriebe zusammenzuführen, hatte sich leider nicht erfüllt: Eden-West wurde an einen Schweizer Konzern verkauft, Eden-Ost der Treuhandanstalt zugeführt und abgewickelt. Eine Berliner Kelterei bot danach zumindest Lohnmost an, man bekam für seine Äpfel einheimische, aber auch exotische Säfte, allerdings nicht von seinen eigenen Früchten.
Unsere Apfelbäume sind inzwischen so groß geworden wie der alte Boskoop im Garten meines Großvaters. Und auch einen schattigen Sitzplatz finden wir unter dem Gewürzluiken-Hochstamm in unserem „Garten Eden“.
Wie in den guten alten Edener Zeiten verarbeiten auch wir unser Fallobst zu Apfelmus, essen täglich einen Apfel, backen leckeren Apfelkuchen und bringen unsere Früchte in eine mobile „Mostquetsche“, allerdings einige Kilometer von Eden entfernt, von der wir aber den gepressten Saft unserer eigenen Äpfel erhalten.
Als kleines Kind träumte ich von einem „Paradies auf Erden“, jetzt lebe ich mit Sabine im genossenschaftlichen „Garten Eden“ – so wie ihn sich 1893 die lebensreformerischen Gründer Edens in einem Werbeaufruf für die Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden vorstellten: „Das Paradies ist ein Garten: In einen Garten wollen wir unseren Acker verwandeln, in einen Garten, der alle Sinne entzückt. Wir werden zunächst zu unserer Nahrung Wurzeln und Gemüse sowie Obst säen und pflanzen, später auch Ziersträucher und Bäume, sowie Blumen zu unserer Freude.
In diesem Sinne.
Robert Schurmann, Südweg 430
