Weihnachtliche Erinnerungen
Eduard Krüger, der 1925 geboren wurde, erinnerte sich einst an die weihnachtliche Zeit seiner Kindheit (veröffentlicht in den Edener Mitteilungen Nr. 26 Nov./Dez. 1996, S.19-21).
Auch er war von der elektrischen Eisenbahn im Schaufenster des Edener Eisenladens sehr beeindruckt. Doch er wusste recht bald, dass er diese nie bekommen würde und so kamen dann die eher realistischen Wünsche auf den Wunschzettel. Er überlegte, womit er der Mutter eine Freude bereiten könnte und werkelte dann an einem Geschenk und kam dabei in Zeitnot, weil es ja noch so viele andere Dinge gab, die ihn ablenkten. Schließlich war es soweit, der Heilige Abend war heran, doch ehe es zur Bescherung kam, musste erst noch die musikalische Ausgestaltung überstanden werden. Mit den gegenseitigen Geschenken erfreute man einander und manch’ sehnsüchtiger Wunsch blieb eben einfach nur ein Traum.
Vorweihnachtszeit in Eden – Jugenderinnerungen von Eduard Krüger
Der Herbst hatte seine Pflicht getan und mit seinen Stürmen die letzten Blätter von den Bäumen gefegt, die jetzt kahl in den Gärten standen und weniger freundlich aussahen als in der warmen Sommerzeit, wo sie mit ihrem grünen Blätterdach Schatten spendeten. Weihnachten rückte in greifbare Nähe und damit auch noch ein Hauch von Winter, denn die ersten, wenn auch noch zaghaften Schneeflocken schwebten vom Himmel. Sie mahnten uns, an das Fest zu denken und uns Gedanken zu machen, wie wir Kinder unseren Eltern eine Freude machen können.
Der Edener Konsum und die Eisenwarenhandlung hatten ihre Auslagen im Schaufenster schon ganz auf Weihnachten abgestimmt und wir Kinder standen staunend davor. Die Vorfreude und die Heimlichkeit der Weihnachtszeit nahmen uns gefangen und ließen in uns so manche Wünsche wach werden.
Im Schaufenster des Eisenwarenladens, der seinen Eingang neben dem Betriebstor hatte, war eine elektrische Eisenbahn aufgebaut, die ständig ihren ovalen Kurs fuhr. Sie erweckte in mir den großen Wunsch sie zu besitzen und in meinen Träumen sah ich mich schon mit ihr spielen. Mein Wunsch, versteckt hinter vielen Andeutungen vorgebracht und manchmal auch etwas genauer formuliert, stieß nicht unbedingt auf Ablehnung, so dass ich zu hoffen begann. Dieser weihnachtliche Laden hatte noch weit mehr Schätze in seinem Inneren als sich in den Auslagen im Fenster darboten. Da war eine Vielzahl von Büchern, die uns Jungen interessierten und darunter natürlich „Karl May“, den man besitzen musste.
Unsere Wünsche wurden immer mehr, denn da standen an der Wand zwei Paar Skier, die uns ins Auge stachen und die Lust auf Skilaufen weckten. Weil jedoch unsere Winter nicht viel Schnee brachten, siegte der Verstand, und der Wunsch wurde auf Eis gelegt, im wahrsten Sinne des Wortes. Es gab ja noch eine Auswahl von Schlittschuhen, die nicht so teuer waren und mehr genutzt werden konnten. Der Bootshafen und der Kanal froren sehr oft zu und waren eine wunderbare Eisbahn, die von jung und alt bevölkert wurde. Das Treiben auf dem Eis ging oft bis in die Nacht, wenn die erwachsenen Edener auf Schlittschuhen den Kanal bis zur Pinnower Schleuse oder in anderer Richtung bis nach Sachsenhausen abliefen. Wenn ich alle Wünsche, die in meinem Herzen waren, geäußert hätte, würde es dem Weihnachtsmann die Sprache verschlagen und der war in diesem Fall meine Mutter. Also blieb als Wunsch ein Buch und Schlittschuhe übrig.
Um nun meinerseits auch für Heiligabend ein Geschenk zu haben, musste ich etwas basteln, was die Mutter erfreute. Laubsägearbeiten waren in Mode gekommen, und darin hatte ich schon einige Übung. Weil viele von uns Jungen den gleichen Gedanken hatten, begann ein stiller Wettbewerb, wer das größte Bild aussägt. Dazu war eine Bildvorlage erforderlich, die auf Sperrholz aufgepaust werden musste. Die Vorlagen gab es im Eisenwarenladen für ein paar Pfennige. Die Verkäuferin dort war Rothtraut Koch (jetzt Frau Lehmann), die uns alle kannte. Sie hat uns geduldig beraten und wir konnten unter den vielen Bildern das für jeden passende aussuchen. Bei den Laubsägearbeiten verklemmte sich häufig das dünne Sägeblatt oder brach, so dass wir gleich ein Päckchen davon mitnahmen. Dazu kam noch schwarze Holzbeize, um die ausgesägten Bilder einzufärben. Sie sahen dann wie Scherenschnitte aus, wenn sie an der Wand hingen.
Ich spreche manchmal von wir, denn meine beiden Vettern waren mit von der Partie, und gemeinsam waren wir auch mutiger bei den Besorgungen. Das wichtigste unseres Unternehmens fehlte noch: Es war das Sperrholz, aus dem das Bild entstehen sollte. Dafür kam nur Herr Glückert in Frage, weil er einen Zimmereibetrieb auf seinem Grundstück im Fichtenweg hatte und Holz verarbeitete. Es kostete uns große Überwindung, zu ihm zu gehen, denn er war für uns Kinder ein alter Herr, der immer sehr ernst aussah. Als wir ihn nach einigen Sperrholzabfällen fragten, suchte er bereitwillig in seiner Werkstatt welche aus, die für unsere Bilder ausreichen sollten. Doch wir freuten uns etwas zu früh, wenn wir dachten, sie geschenkt zu bekommen. Als Herr Glückert seinen Zollstock aus der Hosentasche zog, um aufzumessen, wussten wir, dass wir dafür zu zahlen hätten. Er maß Länge und Breite, multiplizierte sie miteinander, teilte eine größere Zahl durch das Ergebnis und hatte so den Preis eines jeden Stückes errechnet. Uns schwante nichts Gutes und wir bangten um unsere Groschen. Doch die Rechnung ging glimpflich für uns aus, wir konnten zahlen und waren erleichtert.
Ich versuchte nun möglichst unbeobachtet meinen Sägetisch am Küchentisch anzuklemmen, um das aufgepauste Bild auszusägen, denn es sollte ja eine Überraschung werden. Wenn jemand von der Familie in die Küche kam, deckte ich jedes Mal meine Arbeit zu und hoffte, recht geheimnisvoll zu wirken. Durch die ungewollten Unterbrechungen kam meine Arbeit nicht so recht voran und die Zeit bis zum Fest wurde immer knapper. Meine Vettern waren mit ihren Bildern schon viel weiter, denn sie ließen sich nicht so ablenken wie ich, der noch viele Spielereien nebenher betrieb. Da war zum Beispiel der Klavierunterricht bei Fräulein Seidel, die mich immer ermahnte, mehr zu üben und nicht immer nur aus dem Kopf zu spielen. Das Notenheft aufgeschlagen, spielte ich drauf los, bis sie mitten im Stück „Halt“ sagte und von mir verlangte, ihr zu zeigen, wo ich beim Spielen war. Nicht immer gelang es mir, die richtige Stelle zu zeigen, woraufhin ich wieder zu hören bekam: „So wirst du nie ein guter Pianist“, welches ich auch nicht vorhatte. Mir ging es in erster Linie um den Spaß an der Musik.
Die Zeit rann mir unter den Fingern fort und ich musste mich sputen, mit meiner Laubsägearbeit fertig zu werden. Im Düngerschuppen des Betriebes wurden bereits Weihnachtsbäume verkauft und ein solcher lag auch schon bei uns im Hof. Je emsiger ich sägte, um so mehr zerbrachen mir die Sägeblätter und deren Wechsel kostete mich Zeit. Ein paar Tage vor dem Freudenfest hatte ich es geschafft und das Bild, das ein Biedermeiertanzpaar darstellte, konnte ich schwarz beizen.
Der Heiligabend war nun endlich gekommen. Opa Renovanz hatte den Tannenbaum in einem von ihm selbst geschnitzten Baumständer befestigt und geschmückt. Es wäre nun alles gut gewesen, wenn nicht noch vor der Bescherung das Singen der Weihnachtslieder gewesen wäre. Ich musste sie auf dem Klavier begleiten und das verursachte mir jedes Mal Bauchschmerzen, denn der Opa sang zu schnell, so dass ich mit der Melodie nicht nachkam. So ist es dann geschehen, dass er schon fertig war und ich erst auf der halben Strecke. Hinzu kam noch, dass er alle Strophen der Lieder kannte und ich, nur noch Teile auslassend, mich zum Schlussakkord rettete. Dieser Beginn der Bescherung war für mich jahrelange eine Tortur. Erst als der Gesang „Moderato“ gesungen wurde, sind Sänger und Pianist in Einklang gewesen.
Das Fest wurde nach meinen anfänglichen Schwierigkeiten noch sehr schön. Mein Bild ist bewundert worden, obwohl ich der Meinung war, dass sie es schon kannten. Ich war glücklich über die Erfüllung meiner Wünsche, denn Schlittschuhe, zwei Bücher und ein TRIX-Baukasten waren die Mühe des Bildes wert. Das Kribbeln der Vorfreude war nun von mir gefallen und ich konnte ausgiebig mit den Geschenken spielen. Wenn es an diesem Heiligabend auch noch geschneit hätte, wäre alles in Erfüllung gegangen, was ich mir gewünscht hatte.